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03.06.2020  |  Aktuelles der ALLIANCE PARTNER

„Eltern sollten auf Ausgewogenheit achten“

Von DAK-Gesundheit

Die Corona-Pandemie bringt auch das Familienleben durcheinander und Eltern und Kinder an ihre Grenzen. Wir haben mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Thomasius über die besonderen Herausforderungen dieser Zeit und die Auswirkungen einer gesteigerten Mediennutzung gesprochen. Hier ist seine Einschätzung.
 
DAK: Herr Prof. Thomasius, die Coronakrise verlangt der Gesellschaft momentan alles ab. Kinder dürfen nicht in die Schule, die Freizeitmöglichkeiten sind ebenfalls sehr stark begrenzt. Gleichzeitig sind viele Eltern im Homeoffice und müssen zu Hause Arbeit und Privates nebeneinander stemmen. Wie schätzen Sie die Situation aus psychologischer Sicht ein?

Prof. Thomasius: Die Corona-Krise versetzt uns in eine Ausnahmesituation. Doch nicht alle gehen gleich damit um und die Voraussetzungen und vorhandenen Ressourcen, um die Situation zu bewältigen, sind sehr unterschiedlich. In vielen Familien führen beengte Wohnverhältnisse, Überforderung bei der Beschulung der Kinder, Angst vor Arbeitslosigkeit und Existenzsorgen sowie soziale Isolation zu großem Druck. Eine aktuelle Umfrage des „COVID-19-Snapshot Monitoring“-Konsortiums zeigt, dass vor allem Jüngere unter der aktuellen Situation leiden. Langeweile, Einsamkeit, Niedergeschlagenheit und Nervosität werden von ihnen besonders häufig angegeben. Auf der anderen Seite zeigen Befragungen aber auch, dass die Einschränkungen zur Bekämpfung des Corona-Virus nicht von allen als Belastung erlebt werden. In einer Umfrage für den „Deutschlandtrend“ sagen 43 Prozent der Befragten, sie empfinden die bestehenden Auflagen als weniger belastend. Die Umfragen zeigen: Für manche Familien ist es eine große Herausforderung, Kinderbetreuung, Home-Schooling und Arbeit im Homeoffice zu vereinbaren. Für andere stellt die gemeinsame Zeit zu Hause demgegenüber einen Mehrwert dar. Viel gemeinsame Zeit und vielleicht sogar die Möglichkeit, der Langeweile einen Raum zu geben, kann in Familien, die mit Zuversicht durch die Corona-Krise gehen, auch kreative Prozesse befördern.

DAK: Für viele Kinder sind Social Media, Gaming und Co. momentan die einzige Möglichkeit, noch mit ihren Freunden zu interagieren. Ist es in dieser Situation für Eltern überhaupt möglich und sinnvoll, Nutzungsregeln dafür aufzustellen?

Prof. Thomasius: Wir alle werden uns vermutlich gar nicht vorstellen mögen, wie ein Lockdown ohne die Möglichkeiten moderner Medien aussehen würde. Austausch über soziale Medien und Ablenkung in Spielen sind ein Segen in der Krise. Gleichwohl machen Nutzungsregeln gerade in der aktuellen Situation einen Sinn, damit andere Aktivitäten nicht zu kurz kommen. Eltern sollten auf Ausgewogenheit achten. Die Möglichkeiten sind von den jeweiligen familiären Voraussetzungen und dem Alter der Kinder abhängig. Bei steigendem Druck etwa durch die beruflichen Anforderungen im Homeoffice wird es aber zunehmend schwieriger, digitale Nutzung zu beschränken bzw. überhaupt zu beaufsichtigen.

DAK: Die WHO hat sich nun während der Ausgangsbeschränkungen in vielen Ländern der Welt mit großen Computerspiel-Entwicklern zusammengetan und ruft unter dem Hashtag #playaparttogether dazu auf, zu Hause zu bleiben und gemeinsam, aber räumlich getrennt, Games zu spielen. Noch im vergangenen Jahr hat die WHO die Gaming Disorder in den Katalog der Krankheiten aufgenommen. Wie passt das zusammen?

Prof. Thomasius: Wer sich in Online-Spielen trifft, der geht nicht raus und hilft somit, Ausgangsbeschränkungen einzuhalten und das Corona-Virus einzudämmen. Insofern macht die Initiative der WHO einen Sinn. Dass die WHO die Gaming Disorder in den Katalog der Krankheiten aufgenommen hat, mag auf den ersten Blick als Widerspruch erscheinen, jedoch: In unserer gemeinsamen Studie mit der DAK-Gesundheit haben wir gezeigt, dass in Deutschland rund drei Millionen Jugendliche regelmäßig Computerspiele nutzen und fast jeder Sechste unter ihnen als Risiko-Gamer aufzufassen ist. Betroffene fehlen häufiger in der Schule, weisen mehr emotionale Probleme auf und geben deutlich mehr Geld für Computerspiele aus.

Beim Spielverhalten mit Krankheitswert, der sogenannten Computerspielstörung, handelt es sich nach der neuen Definition der WHO um ein wiederkehrendes, kontinuierliches oder episodisches Computerspielverhalten in den letzten zwölf Monaten, das mit Kontrollverlust, zunehmender Priorisierung gegenüber anderen Lebensinhalten und Alltagsaktivitäten sowie einer Fortsetzung des Verhaltens trotz negativer Konsequenzen einhergeht. Dieses Verhalten resultiert in einer bedeutenden Störung persönlicher, familiärer, sozialer und anderer wichtiger Funktionsbereiche. Etwa drei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen sind davon in Deutschland betroffen. Von einer hohen Nutzungsdauer kann nicht automatisch auf eine Störung geschlossen werden.

DAK: Können Computerspiele nicht sogar eine Möglichkeit für Kinder und Jugendliche sein, dem gefürchteten „Lagerkoller“ zu Hause zu entgehen?

Prof. Thomasius: In unserer Ambulanz berichten viele Eltern derzeit, dass ihre Kinder unter der sozialen Isolation leiden. Sie weisen Schlafprobleme auf oder klagen über Kopfweh, Bauchschmerzen, Schwindel und Erschöpfung. Manche Kinder ziehen sich zurück und andere treten aggressiver auf als sonst. Manchmal sehen wir auch, dass Kinder unter diesen besonderen Bedingungen in der Familie eine nicht kindgerechte Rolle einnehmen, etwa indem sie besonders viel Verantwortung für Geschwister oder die ganze Familie übernehmen, alles richtig machen wollen oder die Familie schützen wollen. Diese Rollenübernahmen können Kinder überfordern.

Wichtig ist, dass Eltern ein gutes Modell abgeben, mit der besonderen Situation umzugehen. Hygienemaßnahmen oder das Tragen eines Mundschutzes sollten mit Gelassenheit vorgelebt werden. Die neue Situation muss in einfacher Sprache erklärt werden. Sinnvoll ist es aber auch, die Zeit zu begrenzen, in der über Corona geredet wird. Eine Vorbildfunktion der Eltern bezieht sich selbstverständlich auch auf den Mediengebrauch.

DAK: Wenn Sie einen Ausblick auf die Zukunft nach Corona werfen: Befürchten Sie einen Anstieg der Fälle von Social Media- oder Gaming-Sucht? Erhöht sich vielleicht sogar das Risiko einer Sucht durch den Corona-Lockdown?

Prof. Thomasius: Unsere Studien zeigen, dass dem Familienklima bei der Ausprägung einer problematischen Mediennutzung im Jugendalter eine besondere Bedeutung beikommt, aber auch personenbezogene Faktoren spielen eine Rolle. Erhöhte Ängstlichkeit und Impulsivität, geringer Selbstwert und ein negatives Selbstbild stehen bei Kindern und Jugendlichen, die Computerspiele exzessiv nutzen, im Vordergrund. Werden soziale Netzwerke exzessiv genutzt, so sehen wir bei den Jugendlichen häufig Schwächen in der Face-to-Face-Kommunikation, geringe Selbstdarstellungskompetenzen, Ängstlichkeit, Depressivität und soziale Zurückgezogenheit. Mit ihrer übermäßigen Aktivität in sozialen Netzwerken versuchen Jugendliche, alltägliche Konflikte und Stressoren oder Einsamkeitsgefühle und Depressivität zu lindern. Computerspiele können in Suchtverhalten münden, weil Bedürfnisse nach Anerkennung, Überlegenheit und persönlicher Kompetenz im Spiel viel leichter befriedigt werden, als es die Lebenswelt betroffener Jugendlicher hergibt.

Die jetzigen Beschränkungen durch den Corona-Lockdown führen in vielen Familien zu zusätzlichen Belastungen, auch und insbesondere bei den Kindern. Wenn Benachteiligungen über längere Zeiträume aggravieren, steigt das Risiko einer Suchtentwicklung an. Von daher ist zu hoffen, dass die Alltagsbeschränkungen durch den Lockdown baldmöglichst gelockert werden können und damit wieder Handlungsalternativen für Familien und die Kinder zur Verfügung stehen. Solange dies noch nicht der Fall ist, müssen betroffenen Familien gerade jetzt die notwendigen Unterstützungs- und Hilfeangebote bereitgestellt werden.

 

Interview: Florian Kastl

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